22
Aug 2015

Born in Germany, in 1961!

Vor Kurzem stöberte ich in alten Perry-Rhodan Heften. Für die etwas Jüngeren, Perry-Rhodan ist eine Sience-Fiktion Serie und jetzt Obacht! Zum Lesen!!
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das Heft gekauft hatte und erstmals gelesen, ich vermute, es wird so um die 1976/77 gewesen sein. Heute, im Jahr 2016, steckt in diesem einstmals todernst gemeinten Heftchen eine gehörige Portion unfreiwilliger Komik.
Das Kapitel, bei dem ich stutzig wurde, handelte von der Erforschung eines Höhlensystems auf einem fremden Planeten in einer weit entfernten Galaxie. Die Helden verfügten über einen Anzug, der unsichtbar machte und vor jedem Projektil, Laser- oder Energiestrahl seinem Träger vollkommenen Schutz bot. Als Highlight war am Helm eine Kamera befestigt.
Soweit so gut, aber jetzt kommt es! In der Kamera befand sich ein Film, der später dann im Raumschiff fotochemisch entwickelt wurde.
Man verfügt also über Raumschiffe, die über Lichtjahre einfach hinweg springen, Waffen, gegen die eine Atombombe mickrig erscheint und Schutzanzüge, mit denen hätte man als einsamer Krieger die ganze Taliban und IS im Alleingang besiegt. Aber man fotografiert auf Film.
Da wurde mir bewusst, wie weit die heutige Wirklichkeit selbst von unseren wildesten Vorstellungen im Jahre 1977 entfernt ist. Wir, ich spreche von meinen Jahrgängen, sind einen weiten Weg gegangen und leben inzwischen in einer Welt, die wir uns so nie hätten vorstellen können; und ich glaube, die meisten leben heute in einer Welt, die sie so nie wollten und doch selbst geschaffen haben.
Ich frage mich, ob die heute jungen Menschen eigentlich eine Vorstellung davon haben, wie konträr und völlig anders die Welt noch vor ein paar Jahrzehnten aussah. Falls nicht, ich will´s einfach mal erzählen.
Im Jahr 1978 stellte sich endgültig heraus, dass es wohl mit Abitur und Studium nichts bei mir werden sollte, sondern eine Ausbildung anstand. Ich entschied mich für den Fotografen, weil mir die Vorstellung, mit tollen Models in der Karibik herumzuhüpfen, als Information über diesen Beruf völlig ausreichte. Hey, lacht nicht, wir waren diesbezüglich fast alle ziemlich unbedarft.
Ich hatte ja im Vorfeld auch gar keine Zeit, mich um eine Berufsberatung zu kümmern, Flipperautomaten, Mädchen, Billardtische und Mopeds nahmen meine Zeit vollkommen in Anspruch. Wir stanken nach Zweitaktöl und Achselschweiß! Ja, Achselschweiß! Mag sein, dass es schon ein Deospray gab, aber wenn, wurde es von einem normalen Hetero nicht eingesetzt. Ich bedaure heute noch unsere Lehrer in der fünften und sechsten Stunde. Pupertierende ohne Deo in Kunstfaser gehüllt. Der Duft im Klassenzimmer war einzigartig.
Als ich meine Lehre begann, gab es weder einen Amiga noch einen Commodore, also selbst die Vorläufer des PC´s waren schlichtweg unbekannt. Unsere Eltern hatten Telefone mit Wählscheiben, die waren aber nicht für uns Kinder gedacht. Mit Freunden telefonieren? Flötenpfeife! Man verabredete sich schon in der Schule oder aber, heute unvorstellbar, tauchte einfach unangemeldet bei diesen auf. Kontakt zu Freunden, die wegzogen, hielt man durch Briefe.
Faxgeräte wurden 1980 gerade mal in Büros eingeführt, als Privatperson hatte man meist von der ganzen Technik noch nicht mal was gehört.
Ein Navigationssystem? In Perry Rhodan ja, aber absolute Zukunftsmusik für uns (also etwa im Jahr 3027 verfügbar).
Alles was man "begreifen" konnte, gab es im Prinzip schon. Man kannte den Magnetismus, also verstand man oberflächlich ein Tonbandgerät, Schwingung erklärte den Plattenspieler und Reaktion mit Sauerstoff innerhalb eines begrenzten Raumes machte Motoren und Bomben plausibel. Irgendwie wusste man über die meisten Dinge, mit denen man umging ganz gut Bescheid. Heute nutzen wir Techniken die wir nicht verstehen. Wir sind wie Hunde, die dem Herrchen zuschauen wie dieses einen Lichtschalter betätigt und es hell wird. Wie der Hund akzeptieren wir das einfach und nehmen es als gegeben hin.
Im Einzelnen aufzuzählen, was wir nicht hatten und kannten würde mehr als langweilen. Stellt Euch einfach vor, alles, aber auch wirklich alles, was heute mit Computern zu tun hat, stand uns als Privatperson nicht zur Verfügung, war uns nicht bekannt, oder meistens noch gar nicht erfunden.
Keiner konnte uns während einer Kneipentour in Stress versetzen, werde Eltern noch Freunde. Man war unterwegs, unkontrolliert und ohne Ziel. Wir waren einen Großteil des Tages nicht erreichbar. Leute, das bringt eine Ruhe ins Leben!
Also technisch im Vergleich zu heute völlig unterbelichtet, hatten wir aber doch, wie ich finde immense Vorteile. Wenn man denn wollte (und wenigstens über einen Lehrlingsgehalt verfügte) konnte man mit 18 Jahren zuhause ausziehen, ob die Eltern das nun wollten oder nicht. Es gab in den alten Arbeiterstadtvierteln bezahlbare Altbauwohnungen für WG´s. Zugige Fenster, ein qualmender Bollerofen in der Ecke (Bollerofen? Ein Ofen den man je nach finanzieller Ausstattung mit Kohle, Holz oder Hausmüll befeuerte) und das Klo auf dem Zwischenstock (Zwischenstock? Im Treppehaus befanden sich auf jeweils halber Treppenhöhe die Toiletten, Wasserspülung ja, Heizung nein). Geduscht bzw. gebadet wurde in der Küche, auch dort ein Warmwasserboiler, der mit Holz oder Briketts funktionierte. Die Badewanne war mit einer Küchenarbeitsplatte abgedeckt und wurde bei Nichtbetrieb eben zu......Küchenarbeiten genutzt.
Für so eine Wohnung, den Einkauf bei Aldi und der Freibank (Freibank? Eine Metzgerei, in der Tiere verwurstet wurden, die man notschlachten musste, z.B. wegen eines gebrochenen Beines, Fleisch und Wurst kosteten da die Hälfte wie in der Metzgerei) reichte das Lehrlingsgehalt und circa drei Abende in der Woche, an denen man z.B. in einer Kneipe arbeitete.
Da blieb sogar noch genug übrig, um sich mal in der Kneipe die Kante zu geben. Meist besuchten wir uns jedoch in den WG´s gegenseitig und tranken in einer nach der anderen die Bestände weg.
Für Heizung mussten wir nichts bezahlen. In jedem Stadtviertel gab es zwei Termine jährlich für den Sperrmüll (Sperrmüll? Das damalige IKEA), dort sammelten wir Altholz für den Ofen und Brauchbares für die Wohnung.
Allein der Geruch, der an Winterabenden durch die Altstadtviertel zog, wenn Studenten und Lehrlinge in den WG´s die Öfen anheizten ist heute weitestgehend unbekannt. Leim, verbranntes Plastik, Farbreste; nun ja, die "Grünen" waren gerade erst erfunden worden, das Umweltbewusstsein begann sich insoweit zu regen, dass man alle anderen für den Dreck verantwortlich machte, selbst aber Hausmüll verfeuerte.
Die Waschmaschinen, Kühlschränke und Herde in den WGs hießen alle "Privileg", stammten von "Quelle" (wurden in der DDR produziert) waren aus dritter bis vierter Hand, unschlagbar billig und unverwüstlich.
Wir hatten auch Autos und Motorräder, es waren teils unvorstellbare Rostlauben, keine Ahnung, wie die den TÜV bekommen hatten (den TÜV gab es schon). Die Geschichten, dass einige von uns ihr erstes Auto - mit noch 2 Monaten TÜV - für eine Kiste Bier eingetauscht haben, sind wahr!
Den damalige 4er-Führerschein, der es erlaubte Kleinkrafträder und Traktoren zu fahren, konnte man mit 16 Jahren für sage und schreibe umgerechnet 20 Euro machen. Anmeldegebühr und schriftlicher Test, sonst nichts.
Mobilität war auch wichtig, denn Geschlechtspartner fand man nicht im Chat, sondern in der Kneipe, in anderen WG´s oder im Sportverein. Zuhause bleiben bedeutet Zölibat! Daher kamen wir überall herum und je nach Beischlafsdichte mussten wir unsere Aktionsradius vergrößern, um denen zu entgehen, die schlecht auf einen zu sprechen waren.
Lehrer, Pfarrer, Professoren, Eltern und Lehrherren waren keine Freunde, Ansprechpartner oder Förderer, sondern der Feind. Man hielt Distanz und ließ sie nicht zu nahe kommen. Die Gefahr, dass diese einem irgend einen Unsinn ausgeredet hätten, war doch zu groß.
Im Sommer packten wir unseren "Tramperrucksack", damit stellten wir uns an die Autobahnauffahrt und fuhren in Urlaub. Speziell im Süden war das Leben dann so billig (Reisekosten entstanden wegen des Trampens ja nicht) dass man auch nicht viel mehr Geld brauchte, als wäre man zuhause geblieben, einzig die Einnahmen aus dem Nebenjob fehlten. Das mitgenommene Geld reichte nie, da man meist länger blieb als man dachte. EC-Karte? Gabs noch nicht! Ich stand auf der Rückreise mal trampenderweise auf dem Brennerpass im Regen, ohne Schuhe, ohne eine müde Mark, klatschnass und total verfilzt. Dem italienischen LKW-Fahrer, der mich trotzdem einsteigen ließ, bin ich heute noch dankbar. Besonders gut geduftet hab ich sicherlich auch nicht.
Alles in Allem eine affengeile Zeit, die, wie ich glaube, durch eines ganz besonders geprägt wurde; ein Maß an persönlicher Freiheit das es weder zuvor gab noch danach wieder geben wird.
Wir wussten alles, aber auch alles, viel besser als unsere Eltern und wollten einmal alles ganz, ganz anders machen. Das haben wir dann auch! Navi, Smart-Phone, I-Pad, PC, Internet, email, ferngesteuerte Raketen, Drohnen, digitale Fotografie.....waren alles wir!
Und heute? Haben wir all den Kram und wünschen uns nichts sehnlicher, als wieder in den 70ern und 80ern zu sein. Ich glaube, wir sind die technisch erfolgreichste Generation die es bisher gab und trotzdem die Dümmste! Wir ersticken selbst an unseren eigenen Entwicklungen und werden mit 50 Jahren selbstverschuldet wegrationalisiert. Wir haben viel zu lange geglaubt, dass trotz all der Technik das, was wir für schön und gut erachtet haben, bestehen bleibt. Aber wir haben es kaputt gemacht!
Hey, Ihr Jüngeren, ihr habt unser Problem nicht, ihr kennt es nicht anders! Trotzdem, es wird wirklich Zeit dafür, ich möchte mich ganz offiziell für die Scheiße entschuldigen, die ich und meine Altersgenossen Euch eingebrockt haben.

von Stefan Kuhn

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