28
Jan 2016

Die Wollmilchsau, der Freisteller!

Flash saß vor seinem Monitor, seine Augen schienen konzentriert sein neuestes Werk begutachten; doch trügerisch ist aller Schein, Flash wandelte mal wieder in seiner eigenen Welt umher und ließ die Vergangenheit aufleben.
Wieder mal verglich er die Produktfotografie gestern und heute. Das Bild, das er gerade im Photoshop kreiert hatte, war eine tolle Imageaufnahme! Noch vor 10 Jahren wäre der Job wie folgt abgelaufen:
Der Kunde wäre mit drei Rechnern erschienen, die große Schwarzglasplatte wäre aus der Schutzfolie ausgepackt worden und auf einen ebenso großen, stabilen Tisch gelegt worden. Die drei Rechner wären vom Assistenten hin- und hergerückt worden, bis Flash, der hinter seiner Großbildkamera unter dem schwarzen Einstelltuch einen Hustenanfall nach dem anderen bekam (weil er selbst unter dem Tuch rauchte) mit der Position zufrieden war. Dann das Licht..........! Bei drei hintereinander stehenden Objekten eine Wissenschaft für sich! Selbst Flash mit seiner Berufserfahrung hätte Blut und Wasser geschwitzt. Allein die Kameraeinstellung ein Kunstwerk für sich, nicht jeder hätte alle drei Rechner scharf gestellt bekommen. "Scheimpflug" hieß das entsprechende Verfahren. Ach ja, und bevor man mit der Aufnahme überhaupt angefangen hätte wäre das Studio penibel nass gewischt worden, damit man dem Staub auf der Glasplatte Herr werden konnte.
Dann die Belichtung! Für die Schärfe hätte man mit Blende 64 gearbeitet; d.h. das Studio abdunkeln, Objektivverschluss öffnen und 30 mal den Blitz manuell auslösen. Während dieses Vorgangs durfte kein LKW am Studio vorbeifahren, da sonst die Aufnahme verwackelt gewesen wäre. Zwischen den Blitzen hätten zwei Assistenten, einer rechts, einer links, mit dem Pinsel immer wieder die Schwarzglasplatte vom Staub befreit. Damit wäre man aber noch nicht am Ende angekommen. Jetzt wurde die Kassette mit dem 13x18cm großen Diafilm beiseite gelegt, und die Computer wären angeschlossen worden, damit die Innenbeleuchtung sichtbar wurde. Das war zuvor nicht möglich, da man sonst die Anschlusskabel auf der Glasplatte gesehen hätte. Dann Studio wieder abdunkeln, Kassette in die Kamera, Blitze abgeschaltet und fünf Minuten nachbelichten. Für die lange Nachbelichtungszeit war der "Scharzschildeffekt" verantwortlich. Dann den Aufbau stehen lassen und das Dia im eigenen Labor entwickelt. Wenn sich jetzt während all der Belichtungen nichts auch nur um einen Millimeter bewegt hätte, wenn sich kein Staub an prägnanter Stelle eingeschlichen hätte, dann wäre der Kunde nach circa 10 Stunden Arbeit glücklich wieder abgezogen und Flash hätte eine Rechnung schreiben können, die sich gewaschen hätte. Dia, Color-Negativ, SW, Polaroids, Hinter- bzw. Untergrund anteilig und der Zeitaufwand! In den meisten Fällen hätte der Kunde auch noch Fachabzüge für Vertretermappen und 6x7cm Duplikatdias bestellt.

Und heute? Drei Produktfotos, als Freisteller fotografiert, ein Stündchen in trauter Zweisamkeit mit dem Photoshop, und fertig!

Nachteil? Steven Flash braucht heute mindestens zehnmal so viele Kunden wie früher um das gleiche Geld zu verdienen. Dem steht entgegen, dass es inzwischen dreimal so viele Fotografen gibt.

Vorteil? Dass der Marcel Nirc, der die Rechner gebaut hat, sich so ein Bild überhaupt leisten kann! Ach ja, und Flash ist ihm sogar noch entgegen gekommen, dafür schmückt ihm der Marcel eine der Studiowände mit einem Graffiti, das kann der Marcel nämlich wirklich gut!
"Yeah!" Geld ist eben doch nicht alles, dachte Flash, trank ein Weizenbier und war mit sich und der Welt zufrieden.

von Steven Flash

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