28
Aug 2015

Sehr geehrte People-, Industrie und Werbefotografen!

Liebe Kollegen und Mitbewerber!

Wir haben es alle gemeinsam geschafft! Ein Hoch auf unsere Geschäftstüchtigkeit, unsere Vorausschau und unseren unbändigen Willen mit unserem Beruf alt zu werden!
Ironie? Sarkasmus? Nein, der pure Frust!
Was sind wir doch für jämmerliche Idioten! Nachdem wir uns jetzt jahrelang vor allen Kunden zum Deppen gemacht haben, stehen wir vor den Trümmern eines einstmals tollen Berufes.
Ja klar, die digitale Technik, die war es, die hat uns allen den Rest gegeben, wirklich? Oder war es nicht so, dass wir in diese Technik investiert haben, uns fortgebildet haben, um dann unsere Möglichkeiten und unser Wissen jedem Kunden der nicht bei drei auf dem Baum war, mehr bis minder umsonst aufzudrücken?
Wer von uns verrechnet denn wirklich die komplette Zeit, die er mit dem Datenhandling verbringt? Wer von uns hat für das Datenhandling und die Bildbearbeitung keinen reduzierten Stundensatz? Weil er Angst davor hat, dass der Kunde die Daten nach Marokko schickt um dort die Bildbearbeitung zu machen?
Die Lösung liegt auf der Hand, allerdings in weiter Ferne, denn dazu braucht es eines ......... Rückrat! Wenn ich fotografiere gebe ich keine unbearbeiteten Daten aus der Hand! Wenn der Kunde das nicht will, dann soll er sich einen anderen Fotografen suchen. Klar, den findet er auch, aber sind wir doch mal ehrlich, die Jobs, wo es nur um die Kohle geht, die so billig wie möglich durchgezogen werden, an denen ist doch eh nichts mehr verdient; und welcher Kunde sucht sich wegen ein paar Euros einen neuen Fotografen, wenn er mit der Arbeit des bisherigen grundzufrieden ist?
Nach dem Prinzip "Angst essen Seele auf" kippt ein gestandener Fotograf nach dem anderen um und verschenkt seine Arbeit! Da wünscht man sich wirklich die Zeiten zurück, als ohne Meisterprüfung mal gar nichts ging. Ein begabter Autodidakt kann jeden mittelmäßigen Meister schwindlig fotografieren, aber er hat eines nicht gelernt, kaufmännisch zu denken. Das ist ein Teil der Meisterprüfung gewesen, und das war gut so.
Gut, der Markt ist schwierig, ist es schon immer gewesen. Der Euro wurde im Jahr 2002 eingeführt, ich war damals schon selbständig, ich habe meinen Stundensatz in Euro umgerechnet.
Heute, 13 Jahre später, ist mein Stundensatz um keinen Cent gestiegen. OK, ein glücklicher Umstand ist, dass mein damaliger Stundensatz etwas höher war, als der heutige Mindestlohn.

Werbeagenturen haben auch schon früher Fotografen verarscht. "Hey, den ersten Job für den Kunden machst Du für lau, um rein zu kommen, das lohnt sich, jede Menge Folgeprojekte!"
Beim Folgeprojekt haben sie dann mit der gleichen Masche ein anderes Fotografenweichei geködert.
Oder der superschlaue Firmenboss, der trotz Vorlage einer entsprechenden Mappe noch Probeaufnahmen haben will, die er dann ganz zufällig auch kostenlos verwendet, warum auch nicht, welcher Fotograf ist denn schon so schlau, dass er eine Rechtsschutzversicherung abschließt, die Fragen des Copyrights beinhaltet?
Das Schlimme, liebe Kollegen und Mitbewerber, ist, dass ich keinen anderen Berufsstand kenne, in dem sich so viele Schlauberger tummeln. Woher kommt diese Selbstverliebtheit und Beratungsresistenz? Ist das eine Angelegenheit der Gene? Wer diesen Berufswunsch hat, dem fehlen gewisse Frequenzen, der hat Mankos?
Warum verkaufen wir maßgeschneiderte Einbauschränke zu Preisen, die IKEA für ein einfaches Regalsystem verlangt? Weil der Kunde sonst seinen Echtholzeinbauschrank nach Maßangabe bei IKEA bauen lässt? Genau das tun wir aber! Warum? Existenzangst!
Ich habe letzte Woche für einen alten Kunden fotografiert. Vorab; der Geschäftsführer hat gewechselt!
Aufgabe wie immer bei diesem Kunden: Neuen Mitarbeiter in Szene setzen, Aufnahmen mit Gesten, mal mit, mal ohne Aktentasche, Ganzkörper, Portrait. Hintergrund weiß herausgeblitzt, trotzdem ein kontrastreiches Licht auf der Person. Der Proband hatte ein zusätzliches Problem, wenn er lächelte ging automatisch das linke Auge fast zu. Also, die Stellungen jeweils auch mit ernstem Gesicht, damit ich das Auge dann im Photoshop in das lächelnde Gesicht einbauen konnte. Lieferumfang, die sechs besten Motive, feinjustiert und retuschiert.
Rechnungsnettobetrag: € 156,-
Was folgte? Eine bittere Beschwerde des neuen Geschäftsführers über den viel zu hohen Preis. Was habe ich gemacht? Noch mal Zeit investiert, um dem Kunden zu erklären, wie der Rechnungsbetrag zustande kommt.
Ich weiß es jetzt schon, der kommt nicht wieder, der findet einen, der fotografiert das Ganze für die Hälfte. Ich schäme mich schon dafür, dass ich diesem Betriebswirtschaftler durch meine Erklärung weitere Zeit geschenkt habe, wenn ich mich aber auf den Traumpreis dieses Herrn einlasse, dann kann ich mich nicht mehr im Spiegel anschauen und das ist es nicht wert.

Ich spreche jetzt nicht die Fotografen an, die denken, mit dem Kauf eines Computers und einer Kamera automatisch die Berufsbezeichnung Fotograf erworben zu haben, sondern die Mitbewerber, die mit Stolz auf ein ungeheures technisches Wissen zurückgreifen können, die noch nie wirklich mit einer Aufnahme zufrieden waren, die immer versucht haben, noch besser zu werden und die durch Ihre Erfahrung dem Kunden das bestmögliche Ergebnis liefern können.
Verkauft Euch nicht unter Wert! Fahrt lieber ein kleineres Auto, fahrt nicht in Urlaub, legt dafür die Füße hoch, genießt Eure Freizeit, widmet Euch den Kunden die es wert sind und überlasst es den Billigfotografen, Umsatz mit Gewinn zu verwechseln.
Reich können wir in diesem Job sicherlich nicht mehr werden, auf das gesamte Berufleben gesehen, wahrscheinlich nicht mal ansatzweise wohlhabend, aber Scheiß drauf, dann wird halt weniger gearbeitet.
Und, wenn Ihr noch jung genug seid, sucht Euch um Himmels Willen ein zweites Standbein! Was für eines? Keine Ahnung, ich suche schon seit Jahren ;-)

von Stefan Kuhn

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